My first love – das Bliss von Woolmakers

Neue Hobbys bringen oft ein großes Problem mit sich: man schafft sich mehr Kram an als man wirklich braucht. Beim Spinnen heißt das, man sitzt irgendwann auf einem riesigen Berg Wolle und weiß nicht, wie man den verarbeiten soll. Wenn man wie ich mit der Handspindel Spinnen gelernt hat, führt der Weg nicht an einem Spinnrad vorbei.

Bliss Spinnrad
Das Spinnrad in seiner ganzen Schönheit.

Die Kriterien, die ein Spinnrad für mich erfüllen musste, waren relativ klar – ein günstiger Allrounder mit hübscher Optik. Meine erste Wahl war nicht unbedingt das Bliss von Woolmakers, aber je öfter ich es mir angeschaut habe, umso mehr gefiel es mir. Also nicht die typische Liebe auf den ersten Blick. Aber definitiv auf den Zweiten.

Das Bliss wird ja oft verächtlich Ikea-Spinnrad genannt, eine Bezeichnung, die weder dem Spinnrad noch dem schwedischen Möbelhaus gerecht wird. Und ja, ich bin bekennender Ikea-Fan. Ikea-Spinnrad deswegen, weil es ein recht modernes, heute würde man sagen „skandinavisches“ Aussehen hat. Aber auch weil es als Selbstbausatz kommt und das verwendete Holz – Multiplex, nicht MDF! – auf viele billig wirkt. Dabei sind auch die Räder beispielsweise von Louët aus Multiplex. Nur dass diese z. T. komplett furniert sind. Auch hat Multiplex gegenüber Vollholz einige massive Vorteile. Dadurch dass bei Multiplex mehrere dünne Holzplatten gegeneinander querverleimt sind, arbeitet das Holz weniger. Viele haben in ihrem Zuhause mittlerweile eine Fußbodenheizung. Diese trocknet die Luft massiv aus. Für alte Möbel, aber auch Spinnräder aus Vollholz sind Fußbodenheizungen oft der Tod. Für Multiplex sind sie hingegen kein Problem.

Vorweg erst einmal die wichtigsten Daten. Das Bliss gibt es mit Einzeltritt (ST = single treadle) und Doppeltritt (TT = twin treadle). Allerdings ist man, egal wie man sich entscheidet, nicht dauerhaft festgelegt auf eine Variante. Einfach ein Umbau-Set bestellen und schon wird aus einem ST ein TT oder aus einem TT ein ST. Das Rad kommt mit einem Wirtel mit verschiedenen Übersetzungen – 1:12; 1:18,5; 1:8,5 und 1:6,5. Die Bremse ist eine Spulenbremse und das Einzugsloch hat einen Durchmesser von 12 mm, das auf 8 mm verkleinert werden kann. Im Rad integriert ist eine Lazy Kate, auf der 5 Spulen Platz finden.

Meine Endscheidung fiel auf das Einzeltritt-Rundum-Sorglos-Paket, also Spinnrad mit Spulenerweiterungs-Set. In der Summe hat man dadurch 6 Spulen und 5 Spulenhalterungen für die eingebaute Lazy Kate. Also alles, was man braucht, um eine größere Menge Garn zu spinnen.

Bliss-Bausatz
Spinnrad zum Basteln

 

Wie schon erwähnt, kommt das Rad als Selbstbausatz. Aber dank der wie auch beim schwedischen Möbelhaus guten Anleitung (jetzt auch auf Deutsch) ist der Aufbau absolut kein Problem. Jeder Schritt ist sehr gut erklärt und mit Bildern versehen. Mittlerweile darf man sogar etwas mehr bauen. Ich muss aber auch sagen, dass ich mein Rädchen seit 2016 habe (es hat am selben Tag Geburtstag wie mein Neffe :)) und es nicht so ungewöhnlich ist, dass über einen solchen Zeitraum auch mal Veränderungen vorgenommen werden.

Die ersten Spinnversuche waren erwartungsgemäß eher holprig. War ja der erste Spinnversuch. Was am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig war, war der ruppige Einzug. Die Umstellung auf Räder mit schwächerem Einzug ist immer etwas schwierig. Man hat dann oft den Eindruck, dass diese gar nicht einziehen. Man gewöhnt sich allerdings recht schnell daran und es gibt einige Möglichkeiten, den Einzug etwas abzuschwächen, etwa indem man das Kunststoffseil der Bremse durch ein anderes Material ersetzt. Meist ziehe ich die Bremse nur sehr leicht und teilweise sogar gar nicht an. Wie gesagt Gewöhnung. Der Spulenwechsel hingegen ist ziemlich easy, da der Flügel, wie auch bei Louët mittels eines Magneten an der Spindel hält. Die Spulen selbst haben in der Hülse eine Aussparung, in der sich ganz einfach der Anspinnfaden befestigen lässt. Kein nerviges Knoten und kein nerviges Weiterrutschen des Fadens, wenn man losspinnen will.

Sehr angenehm finde ich den breiten Tritt, den man mit einem Fuß oder beiden Füßen betätigen kann. Besonders praktisch ist das, wenn man einen Fuß schonen muss/möchte. Auch muss man nicht die Sitzposition ändern, wenn man jetzt von dem rechten Fuß zum linken Fuß wechselt, wie es etwa bei dem Interlude der Fall ist. Durch das große Schwungrad ist außerdem ein energiearmes Spinnen möglich. Wobei ich auch hier schon Spinnerinnen gesehen habe, die in einer Geschwindigkeit getreten haben, als würde ihr Leben davon abhängen. Jede·r wie sie·er mag.

Bevor ich ein Reisespinnrad hatte, hab ich das Bliss immer mit zu den Spinntreffen genommen. Es ist zwar nicht zerleg- oder zusammenklappbar, aber dafür ist es nur 4,5 kg schwer und schön robust. Und es passt in eine große Ikea-Tüte (wieder die Schweden), wenn man es denn noch verpacken möchte. Auf jeden Fall bietet es sich an, Teile die verloren gehen können, vorher zu entfernen. Ich hab bei einem der ersten Spinntreffen gleich mal den Einsatz für das Einzugsloch verloren. Aber zum Glück gehört das zu den Ersatzteilen, die nachbestellbar sind.

Eine der wichtigsten Fragen bei einem Spinnrad ist immer „Wie laut ist es?“ Da sowohl Rad, Knecht und Spindel mit Wirtel kugelgelagert sind, kann an den Stellen nichts klappern. Zudem ist das Rad dadurch auch wartungsarm und benötigt relativ wenig Öl. Stellen, an denen es klappern kann und damit ein wenig Öl benötigt, gibt es trotzdem. Das ist einerseits die Befestigung des Tritts an der Frontleiste und andererseits die Spindel. Ersteres braucht nur selten Öl, eigentlich nur dann, wenn sich das Rädchen zu Wort meldet. Bei mir war es ein Knacken immer in der untersten Position den Tritts. Das hat mich am Anfang echt wahnsinnig gemacht, weil ich nicht wusste, wo das Geräusch her kommt und was ich tun kann. Ein Post bei Ravelry hat mich dann zur Lösung gebracht. Etwas Öl zwischen Spule und Spindel braucht eigentlich jedes Rad, damit die Spule nicht zu sehr hin und her klappert und ruhig läuft.

Gewicht am Spinnflügel
Damit das Rad ruhiger läuft, habe ich ein Gewicht am Flügel angebracht.

Etwas, was ich auch beim Trageleicht bemängelt habe, sind die Schwingungen, die sich beim Spinnen aufbauen können. Grund ist auch hier, dass der Flügel vorn nicht gestützt wird. Allerdings ist das Problem hier nicht so groß, da der Rahmen stabiler ist und so die Schwingung besser aufnimmt. Zusätzlich habe ich am Flügel ein kleines Gewicht befestigt, damit nicht so große Schwingungen entstehen. Der Effekt könnte aber auch nur subjektiv sein. Aber immerhin hat das Rad dank der Gummifüße auf jedem Bodenbelag guten Halt.

Auf die Spulen passen je nach Dicke des Garns 100 – 120 g. Für mich ist das völlig ausreichend. Größere Spulen sind bei dem Rad nicht unbedingt hilfreich, aufgrund der beschriebenen Schwingungen. Ein Flügel ohne Haken wäre eine nette Erweiterung. Allerdings hatte ich selbst beim Bouclé-Garn keine Schwierigkeiten mit den Haken.

Mein Fazit: Ich liebe das Bliss. Es ist, wie schon am Anfang erwähnt, ein echter Allrounder. Es ist robust und verzeiht einem echt viel. Es ist nicht nur ein tolles und günstiges Anfängerrad, man kann auch als erfahrene·r Spinner·in noch viel Freude damit haben.

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